Das Schlüsselfelder Stadttor in Geschichte und Gegenwart
1998 wurde das Schlüsselfelder Stadttor generalsaniert. Die Stadt Schlüsselfeld hat damit das Ziel erreicht, die bestehende historische Bausubstanz zu bewahren und eine Verknüpfung von alter und neuer Geschichte zu schaffen. Viele Gründe führten zum baufälligen Zustand des Schlüsselfelder Wahrzeichens, u. a. kam es auch durch Witterungseinflüsse und Wasser, tierische und pflanzliche Schädlinge an Holz und Dächern in Verbindung mit der Umweltbelastung zu Schäden an der historischen Bausubstanz. Da, wo man schon früher einmal die alten Gebäude erneuert hatte, verwandte man leider und in bestem Willen moderne Materialien, wodurch bereits bei der vorangegangenen Sanierung des Westturms 1977 zusätzliche Probleme entstanden. Die Mängel und Verluste wurden nun durch die Sanierungsmaßnahmen zumindest wieder teilweise beseitigt und rückgängig gemacht. Damit kann die historische Bausubstanz an die nächsten Generationen weitergegeben werden.
Baugeschichte der Stadtbefestigung
Die Würzburger Fürstbischöfe haben im 15. und 16. Jahrhundert ihre östliche Grenzstadt - inzwischen kirchliches Landkapitel - mit beachtlichen Mauern und mehreren Türmen befestigt. Die Anfänge legte Rudolf von Scherenberg in den Jahren 1466 bis 1495. Er ließ die bereits befestigte Stadt mit Türmen, Gräben und einer Mauer weiter befestigen. Diese Mauer des späten 15. Jahrhunderts zieht sich auch heute noch als Ring aus massiven Sandsteinquadern größtenteils, wenn auch nicht in voller Höhe, um den Ortskern und wurde in den Jahren 1995 und 1996 nach historischem Vorbild instand gesetzt. Nach den Bauernkriegen und dem Markgräfler Krieg vervollständigte Julius Echter dieses Werk. So wurde die Stadt zum wirtschaftlichen, kulturellen und kirchlichen Mittelpunkt der Umgebung. Die Zerstörungen des 30jährigen Kriegs brachten schließlich einen Niedergang, von dem sich Schlüsselfeld kaum mehr erholen konnte.
Vollkommen erhalten ist der gedrungene Rundturm, auch Kappelturm genannt, am nordöstlichen Eck der Stadtmauer am Pfarrgarten. Nur noch die untere Hälfte können wir dagegen von dem massiven Rundturm am westlichen Eck der Stadtmauer hinter dem Rathaus im Stadtgarten erkennen. Ein etwas kleinerer, viereckiger Turm stand an der Südseite der Stadt bei der Marienkirche. Er wurde 1819 zu einem Wohnhaus umgewandelt.
Das augenfälligste der erhaltenen Bauwerke dieser Befestigungsanlage ist das mächtige Stadttor mit seinem Zwinger am westlichen Ortseingang. Eine überdachte hölzerne Treppe führte in das Innere des Turmes hinauf, der nach der Zerstörung im 30jährigen Krieg 1689 in der heutigen Form erneuert wurde. Ein zweiter Torturm, das Untere Tor, schützte den östlichen Eingang zur Stadt. Dieser fiel jedoch einem Großbrand im Jahre 1868 zum Opfer, bei dem auch der ganze östliche Stadtteil zerstört wurde. Eine Wiederherstellung der militärisch unnötig gewordenen Anlage erfolgte nicht mehr.
Bau- und Nutzungsgeschichte des Stadttores
Das Obere Tor besteht aus dem massiven Westturm über dem Tor und einem vor die Flucht der Stadtmauer gelegten dreiseitigen Vorwerk mit massiven Umfassungsmauern und einem zweigeschossigen Vortor. Davor ist ein Torhaus in Fachwerkbauweise gesetzt, das als Torwärterwohnung und umbauter Wehrgang diente. Vor der Nordwand besteht ein überdachter offener Wehrgang.
Das an den Westturm zur zusätzlichen Sicherung des Stadttores angebaute Vorwerk besteht aus dem Vortor und zwei Verbindungsmauern, die einen geschlossenen Innenhof bilden. Die stadtauswärts weisende Front hat über der Durchfahrt ein respekteinflößendes Band aus fünf kleinen Rundbogenöffnungen und erinnert mit dieser trutzigen Fassade an gut bewachte Burgen des Mittelalters. Ursprünglich wird vielleicht lediglich eine einfache Ummauerung mit offenem, umlaufenden Wehrgang bestanden haben. In der Westwand des Vortores befand sich im Südabschnitt, im Bereich des jetzigen Erkervorbaues, ein zweiter schmalerer Durchgang, von dem noch der Anfängerstein einer Bogenöffnung im gleichen Raum zu sehen ist.
Den Westturm konnte man nur über das erste Obergeschoß betreten, wo sich auch heute noch ein Einstieg befindet. Die Türöffnung in der Nordwand war nur über eine steile Leiter erreichbar, die im Belagerungsfall eingezogen werden konnte. Die trichterförmigen schmalen Wandöffnungen mit Schießscharten auf der West- und Ostseite dienten der Verteidigung. Die Turmgeschosse waren vermutlich über Blocktreppen erschlossen, in der Art, wie sie in allen Stockwerken noch erhalten sind. Sie sind verteidigungstechnisch versetzt angeordnet. Im zweiten Obergeschoß befand sich ursprünglich ein Kreuzrippengewölbe, dessen Anfängersteine in den Raumecken noch gut zu erkennen sind. Es wurde vermutlich mit der barocken Turmaufstockung abgebrochen. Die Wandnische mit Schulterbogen in der Nordwand war wohl Teil eines Turmerkers, der als Abort und / oder Pechausguß zu Verteidigungszwecken diente. 1601 / 1602 errichteten die Stadtväter das Torhaus an der Westwand des Vortores aus Ständerfachwerk. Im Südabschnitt befand sich ein durchgehender Raum ohne Zwischenwand. Das Torhaus war zu dieser Zeit bewohnt, wovon die bis in das Dachgeschoß verrußten Wände und Decken sowie die Rauchabzugsöffnung in der Erdgeschoßdecke zeugen.
1654 wurde der Erkervorbau am Vortor e

rrichtet, wozu sich eine Datierung im Gewändesturz des Südfensters findet. Der Einbau einer Zwischenwand diente vermutlich zur Herstellung einer abgetrennten schwarzen, d. h. offenen Küche. Das Torhaus wurde nach dem 30jährigen Krieg also wohnlicher gemacht. 1684 / 1689 erhielt der Westturm ein drittes Obergeschoß in Fachwerkbauweise, wovon ein datierter Stein auf der Stadtseite der Durchfahrt erzählt.
Diese Türmerwohnung bestand aus Stube, Kammer und ebenfalls einer schwarzen Küche, in der auf einem gemauerten Herdblock über offenem Feuer gekocht und von der aus der Stubenofen geschürt wurde. Der Rauch zog durch den Raum über einen Rauchfang in den Schlot. Herdblock, Rauchfang, Schlot sowie der Sockel und die Schüröffnungen des Stubenofens sind in Resten erhalten. Die Türmerwohnung war über eine hölzerne Freiteppe, die vom Marktplatz aus zum Turmeingang im ersten Obergeschoß führte, und über die innen liegenden, steilen Blockstufentreppen erschlossen.
In Dokumenten, die 1977 bei Sanierungsarbeiten im Westturm entdeckt wurden, ist die Rede von einer "Aufschönung" des Turmes im Jahre 1793. Vermutlich wurde das Mansardwalmdach errichtet. Am 11. Juni 1837 verstarb der letzte Stadttürmer Joseph Heß. Seitdem ist der Westturm nicht mehr genutzt, aber von der Stadt als geschichtsträchtiges Wahrzeichen weiter erhalten worden.
Nach 1945 wurde die schwarze Küche beseitigt und ein - heute störender - Schornstein in der noch immer benutzten Wohnung des Vortors eingebaut. Mit einem neuen Treppenanbau aus Fachwerk gelangte man in das Obergeschoß. Auch der noch bestehende Holzabort im Wehrgang wurde vermutlich bis zuletzt von den Bewohnern des Vortores genutzt.
Ca. 1960 stürzte durch einen Lkw-Unfall die Nordwestecke des Vortores ein, die Fachwerkwand der Vortorwohnung wurde beschädigt. Bis dahin wurden die Räume von der sog. Torheinera bewohnt. Sie war die Witwe des letzten Torwächters, der in Schlüsselfeld den Pflasterzoll erhoben hatte.
Die hölzerne Freitreppe zur Türmerwohnung wurde 1963 abgebrochen, weil aus Sicherheitsgründen ein Fußweg an der Nordseite des Turms benötigt wurde, um wegen des stark gestiegenen Verkehrsaufkommens der noch vorhandenen Autobahnlücke von Höchstadt in Richtung Würzburg die Durchfahrt zu entlasten.
1977 wurden an der Turmostseite drei neue Fenster eingebaut und im Dachstuhl statische Sicherungsmaßnahmen vorgenommen – außerdem erfolgten weitere Ausbesserungsarbeiten.
Baubeschreibung
Das Vortor des Stadtturms muß auf einen älteren Teil der Befestigungsanlage zurückgehen, denn seine Westwand besteht im Erd- und Obergeschoß aus 90 cm, im Dachgeschoß nur noch 35 cm starkem Bruchsteinmauerwerk, das außenseitig unverputzt ist. Die Westwand wird heute im Bereich des Erkers von zwei Stahlträgern in der Deckenebene abgefangen. Der Torbogen hat ein Sandsteingewände mit vorgelegtem Segmentbogen aus massiven Quadern als Auflager für die Deckenbalken. Die Reihe der rundbogigen Öffnungen ist aus dem Bruchsteinmauerwerk entwickelt und wirkt daher besonders trutzig. Die Decken bestehen in Erd- und Obergeschoß aus querlaufenden Balken. In beiden Geschossen liegen Dielenböden über den Balkenlagen mit Lehmauffüllung. Die beiden Verbindungsmauern zum Westturm bestehen aus unverputztem Bruchsteinmauerwerk mit außenseitigen Pfeilervorlagen und einem überdachten Wehrgang als Ständerkonstruktion in Holz, die nördliche Mauer ist 80 cm, die südliche 60 cm stark. Das Dach hatte neuere Biberschwanzziegel und mußte lediglich umgedeckt werden.
Besondere Bedeutung hatte die Wiederherstellung der historischen Fassaden des Stadttors und des Westturms. Der Turm hat einen Grundriß von 8,40 Meter auf 7,70 Meter und besteht bis auf sein Obergeschoß aus Bruchsteinmauerwerk mit imposanter Eckbossierung. Stadtauswärts, an der Westfassade, verstärkt Sichtmauerwerk seinen Verteidigungscharakter. Die Mauerstärke beträgt im ersten Obergeschoß noch 160 cm, im zweiten geht sie auf 120 cm zurück. Auf der Innenseite blieben die Wände unverputzt. Die mittelalterlichen Schießscharten, die Öffnung von der Holztreppe aus, die beiden aus einem! Stein gehauenen, quadratischen Fenster mit der dicken Profilierung, aber natürlich auch die massiven Torbögen haben Sandsteingewände und sogar das Tonnengewölbe der Durchfahrt besteht aus Sandsteinquadern. Die Innenwände sowie die östliche und nördliche Außenwand des letzten Geschosses schlug man als Fachwerk auf, das ursprünglich mit kleineren Feldsteinen ausgefacht war. Sie sind gekalkt und zeigen teilweise sogar Farbfassungen.
Die ursprünglichen Baudetails der originellen Türmerwohnung wie Türen, Fenster, Böden und die schwarze Küche entsprachen einer einfachen barocken Wohnkultur, sind aber nur noch als Fragmente erhalten. Die Deckenkonstruktionen bestehen in allen Geschossen aus 25 cm breiten Balken, die von einem kräftigen Mittelunterzug unterstützt werden und die Zeitläufe erstaunlich gut überstanden haben. Über dem ersten Obergeschoß liegen sie direkt auf den Außenwänden auf, in den jüngeren Stockwerken darüber gibt es Mauerlatten als Balkenauflager, die wegen ihres vermorschten Zustandes ausgewechselt werden mußten. Alle Böden sind so hergerichtet, daß die Tragfähigkeit der Decken gewährleistet ist. Die Deckenfelder bestehen aus sogenannten eingeschobenen Staken mit Strohlehmfüllungen, die in mühevoller Handarbeit vollständig erneuert werden mußten. Nur die Decke über dem zweiten Obergeschoß hat oberseitig einen Dielenbelag, in der schwarzen Küche weisen Reste einer Ziegelsteinlage auf den Brandschutz rund um den Herd hin, zu dem auch die Reste eines Schornsteins oder Rauchabzugs gehören.
Den in die oberen Geschosse führenden historischen Bloc

ktreppen fehlten einzelne Stufen und die bestehenden waren stark abgenutzt. Als wichtiger Bestandteil der Originalausstattung wurden sie repariert und konnten damit erhalten werden.
Das Innere des Turms konnte einfach und in den historischen Techniken und Materialien hergerichtet werden, so daß die Bausubstanz erhalten und vorzeigbar bleibt. Auch Türen und Fenster orientieren sich soweit möglich an überkommenen Mustern, einige Fenster und das barocke Türfutter wurden erhalten und restauriert. Besonders die Türmerstube kann wieder als historischer Raum erlebt werden.
Einige Schäden an den konstruktiven Teilen in Westturm und Vortor befanden sich in fortgeschrittenem Zustand und machten eine Sanierung dringend erforderlich. Nur so konnten die Maßnahmen mit vertretbarem Aufwand durchgeführt werden, bevor weitergehende gravierende Schäden entstehen. Westturm und Vortor konnten in ihrem Bestand gesichert werden und nunmehr als Wahrzeichen Schlüsselfelds in das nächste Jahrtausend verweisen. Für den Westturm ist keine konkrete Nutzung beabsichtigt, da allein der schwierige Aufstieg über die steilen Treppen eine regelmäßige bzw. häufigere Verwendung nicht erlaubt.
Im Rahmen von Stadtführungen besteht die Möglichkeit zur Besichtigung.
Quellen
Die Ausführungen beruhen auf dem Artikel "Zur Sanierung des Stadtturms von Schlüsselfeld" vom Ingenieurbüro Lein, Bamberg, (J. Alshut u. W. Lein) in der Zeitschrift "Heimat Bamberger Land" Nr. 2/1997, 9. Jahrgang, Hrsg. Arbeitskreis: "Heimat Bamberger Land". Eine ausführliche Darstellung sowie detaillierte Quellenangaben sind dort zu finden